Ein Tag im Leben des Strandgutfürsten
Mit einem feuchten Klatschen landete ein undefinierbares, braungrünes Etwas auf der rauen Brett, das als Theke diente. Es roch fischig, alt und vermodert.
Trotzdem riskierte Grovis einen näheren Blick. Er fasste den Klumpen nicht an, aber seine Nase berührte ihn fast. Irgendetwas schien sich darin zu bewegen. Grovis zog ein langes Messer aus seinem Gürtel und hob vorsichtig eine der Schichten hoch. Darunter zuckte und wand sich ein rosiges, schleimiges Wesen mit drei verformen Gliedmaßen und deutlich zu vielen Zähnen. Als das dämmrige Licht seines Ladens darauf fiel, kreischt und blubberte es. Drei blinde Augen öffneten und schlossen sich ruckartig.
Grovis graugrünes Gesicht verzog sich angewidert.
"Was soll ich mit so einem Ding? Das könnt ihr bei den bekloppten Xaan im Wunderladen abgeben, die essen alles."
Eine kleine, schmutzige Hand kam über die Theke und schnappte das Wesen, dann verschwand sie wieder.
"War nur'n Extra. Weisste, damitte siehs, dassea echt is'." Ein Gluckseb
Grovis hasste die verdrehte Art und Weise, wie die Gossenzwerge sprachen.
"Was soll echt sein?" Grovis schaute sich den Klumpen noch einmal an und faltete noch mehrere Aufschläge auseinander. Es war aus Stoff, vielleicht ein Kleidungsstücke? In dem modrigen, verkleben Fasern blitzten ab und zu metallische Fäden hervor.
Ein Schleifen und Kratzen ertönte Vordergrund anderen Seite der Theke, dann erschien das schmutzige Gesicht des Gossenzwergs. Sein Bart war unregelmäßig und mit Schmutz verklebt, der schwingende Haaransatz wurde von einer unförmigen Kappe verdeckt.
"Die Matrone sacht, dat is vonnie Runehäscher." Die kurzen Finger des Zwerges zogen das Kleidungsstück weiter auf und und zeigten auf ein Muster, das sich aus den kupferfarbenen Fäden ergab. "Die Viechers, die da drin genistet ham, warn alle voll krumm, wie der hier." Er zog das zuckende etwas nochmal aus der Tasche und hielt es Grovis vor das Gesicht. "Die Matrone sacht, sowatt passiert nur wegen Zauberkrams, und das die Häuser alle nach sowatt suchn."
Grovis fuhr das Muster mit den Fingern entlang. Er grunzte, und sein Magen verzog sich schmerzhaft. Dieser verdammte Käse vom Fetten Mann. Er konnte seit dem katastrophalen Abend immer noch nicht sitzen, und alles deutete darauf hin, daß diese kleinen Mistkäfer daran schuld waren. Und jetzt wagte eine dieser Maden, mit so einer Beute bei ihm aufzutauchen! Seine Faust ballte sich um den Stoff.
"Und was will deine Matrone für den Lumpen hier haben?" fragt er den Gossenzwerg mit zusammen gepressten Kiefern.
Der dreckige Kerl grinste ihn an. Was da an Zähnen noch übrig war, erinnerte ihn an die Wracks in der Strasse der Freibeuter.
"Die Matrone sacht, is für gute Beziehung. Sacht, ihr denkt wir Gossnzwerge wärn schlecht fürs Geschäft. Simmer aber nich'."
Einen Moment lag krampfte Grovis andere Hand sich um den Griff seines Messers. Er konnte es dem dreckigen Wicht einfach ins Auge rammen. Dann atmete er tief ein. Das Geschäft ging vor.
Er steckte das Messer weg und zog die modrigen Lumpen hinter die Theke, wo er sie in einem Fach verschwinden liess.
"Richte der Matrone meinen Dank aus. Ihr dürft weiter an der Unratklippe sammeln, aber ich habe euch im Auge." Ein tiefes Rumpeln ertönte aus seiner Magengegend, und er biss die Zähne und die Backen zusammen.
Der Zwerg hopste von der Kiste und watschelte zur Tür. "Dann is ja alles klar. Für Drossi reichts, wa?" Und er verschwand mit einem letzten Winken aus Grovis Haus.
Der selbsterklärte Strandgutfürst stützte sich mit beiden Händen auf der Theke ab. Das Holz und er stöhnten ähnlich laut, als das Gewicht des Halborks das Holz ebenso quälte wie sein Magen ihn. Er stand mal wieder vor der Wahl, was er lieber ertragen wollte - daß ständige rumoren in seinen Eingeweiden oder der grausame Schmerz auf dem Donnerbalken. Er tröstete sich mit der Vorstellung, was er mit dem Schuldigen anstellen würde, wenn er ihn in die Finger bekäme. Er hatte bei Einauge Lanny ein paar ganz besondere Eisen bestellt, die er dem Schwein einführen würde. Mindestens so heiß, wie es ihm aus dem Darm gefeuert hatte, bis dieser kleine Kerl ihn gestopft hatte.
Der Fette Mann behauptete zu wissen, wer sein Retter war, aber bis jetzt hatte er die Information nicht rausgerückt.
Als sich sein Magen einigermaßen beruhigt hatte, machte er sich daran, seine Aufzeichnungen zu vervollständigen. Früher hatte er seine Beute und Kontakte im Kopf gehabt, aber zum einen hatte er seit dem Angriff der Riesen soviel Treibgut abgegriffen, das selbst er den Überblick verlor. Und was viel schlimmer war. Sein Gedächtnis liess ihn inzwischen immer öfter im Stich. Er hasste es, sich das einzugestehen, aber er war jetzt im vierten Jahrzehnt seines Lebens. Und so oft sein Orkblut ihm zum Vorteil gereicht, wenn es darum ging, einen aufmüpfigen Kunden oder nachlässig Schuldner zur Ordnung zu rufen. So sehr verfluchte er es dafür, daß er jetzt schon das Wetter in den Knochen fühlte und er Loknars Atem im Nacken hatte.
Seine Leute hatten ihm den Tag über einiges an interessanten Fundstücken gebracht. Ein gutes Klafter Holz, zwei Dutzend Schuhe und Stiefel, eine Kiste Nägel aus den Brettern. Zwei Karren Scheisse und sechs Fässer flüssiges Gold. Diverse Einzelteile von Riesen, mehrere Steine mit bisher nicht identifizierten Mustern und Runen. Zwei komplette Leichname, nur wenig angerissen und zwei Wagen Einzelteile. Das hatte ordentlich zugenommen, seit die Flutdämon vor Port Grim lag. Zwar war mir Podicker einer seiner lukrativen Kontakte für Leichenteile abgetaucht, aber Abnehmer gab es immer.
Es war schon früher Abend, als er sich wieder dem heutigen Kleinod zuwende konnte. Er hatte das Teil inzwischen von zwei seiner Leute auswaschen und aufspannen lassen. Darüber hatten die beiden sich dermassen zerstritten, das er ein paar Ohrfeigen verteilen musste. Aber jetzt war das Kleidungsstück als Umhang mit Kapuze zu erkennen. Aus irgendeinem schweren Stoff, der die Feuchtigkeit überraschend gut vertragen hatte.
Die Stickereien waren von der Sorte, die seit dem Auftauchen der Gesellschaft für mehr und mehr Interesse in Port Grim sorgten, und Grovis sandte einen seiner Jungs zu dem Kontakt, von dem er sich den besten Preis versprach.
Er trank sein Abendessen lieber, um seinen Bauch zu schonen. Seine Knie schmerzten ebenso wie seine Finger vom verkrampft Halten der Feder, also nahm er noch ein paar Schluck Extra. Aus medizinischen Gründen. So gestärkt stopfte er den Umhang in eine Tasche, schlang seinen Gürtel mit dem "Feilscher" um und machte sich auf den Weg zum Hafen. Er winkte ein paar Jungs zu sich. Die Strassen von Port Grim waren noch nie wirklich sicher gewesen, aber die letzten Jahre war es stetig bergab gegangen. Vor allem gab es immer mehr Emporkömmlinge, die ihm den Respekt versagten, angefangen mit der Hanse. Auch hatte er das Gefühl, das der Fette Mann den Deal mit den Piraten des Konsortiums nicht mehr im Griff hatte. Und diese Spinner von der blutigen Welle waren ganz besonders anstrengend.
Er schaute kurz auf, als er unter der riesigen Krabbe der Gesellschaft hindurch ging. Er fragte sich immer noch, ob diese sogenannten Abenteurer der Grund oder ein Effekt dieser Veränderung waren. Auf jeden Fall waren sie nicht mehr zu ignorieren, dazu hatten sie ihre Finger in viel zu vielen Töpfen stecken. Immerhin gaben sie der Hanse ordentlich Kontra, das war schon mal was. Aber sie waren auch imperiale, zumindest die Geldgeber.
Wie immer standen ein paar rotberobte Wellenjünger vor dem Hauptquartier und hofften auf Weisheiten ihres Sturmgeborenen. Warum sie nicht am Hafen standen, wo Schwertwall noch in Haeven weilte, war wohl so ein Glaubensding, das er nicht verstehen musste. Mehr oder weniger unauffällig hingen auch ein paar Spitzel der Hanse hier herum. Er spuckte aus Prinzip vor ihnen aus.
Nur wenige Schritte weiter befand er sich im Hafen. Er näherte sich dem Warenhaus mit der aktuellen Zinke des Futtersacks. Er klopfte an die Tür und verlangte nach der "besonderen Spätlese", woraufhin ihm der Dockarbeiter an mehreren Kisten vorbei zum aktuellen Standort des Futtersacks führte. Der ehrbare Händler nickte Grovis zu und liess ihn dann mit dem Unterhändler allein.
Es war eine junge, maskierte Frau mit viel zu weichen Händen für diese Art von Geschäft. Allerdings kam sie gleich zur Sache, was er zu schätzen wusste.
"Ihr habt etwas, das von besonderem Interesse für die Familie ist?"
Grovis nahm den Umhang wortlos aus der Tasche und breitete ihn aus. Sein Gegenüber stand auf und ging langsam um den Tisch herum. Sie liess ihre Finger über den Stoff gleiten, nahm schließlich ein Vergrösserungsglas heraus und untersuchte die Stickereien genauer.
"Das Stück ist interessant. Wir haben einige Käufer, die daran interessiert wären. Wo habt ihr es her?"
Grovis schnaubte. War das ihr Ernst? Was hatten die Scorns ihm für ein Küken geschickt, das solche Fragen stellte?
"Angeschwemmt, wie alle meine Waren", sagte er betont neutral.
Die Frau schaute von dem Muster auf, ihre Augen blitzten hinter der Maske auf. "Redet keinen Unsinn, Ork! So etwas wird nicht einfach angespült! Wer ist euer Kontakt?"
Grovis Magen rebellierte wieder, und er Zwang sich, tief ein zu atmen. Dann grollte er. "Das geht euch nichts an, Mensch. Ich verkaufe Treibgut, keine Informationen. Das ist daß Geschäft eurer Familie."
Die Frau krallte eine Hand in daß Tuch und drohte ihm mit dem Finger der anderen. "Ihr fühlt euch schon viel zu lange zu sicher, Grovis! Es wird sich einiges ändern in Port Grim. Jetzt hört auf herum zu zicken und sagt mir, wo ihr das her habt!"
Jetzt reichte es. Grovis griff mit einer Hand nach dem Tuch und verpasste der aufmüpfigen Frau eine Rückhand, die sie zu Boden schickte. Er machte zwei Schritte auf sie zu und trat auf die Hand, die sie ihm grade noch entgegen gestreckt hatte. Ein zufriedenstellendes Knirschen machte klar, das sie mit diesen Fingern sobald nicht mehr auf jemanden zeigen würde.
Er hob den Fuss noch einmal, aber in diesem Moment krampfte sich sein Magen derart schmerzhaft zusammen, daß er zurück Torkelte. Er liess das Tuch fahren und griff sich mit beiden Händen an den Leib.
Die Frau kämpfte sich wimmernd auf die Beine Und hob beschwichtigend ihre unversehrte Hand. "Wartet, Grovis. Ich entschuldige mich für mein Verhalten." Sie fummelte ungeschickt mit der linken an ihrem Gürtel und löste den Geldbeutel. Sie hielt ihn dem Ork entgegen.
"Dies ist die maximale Summe, die man mir zur Verfügung gestellt hat. Ich hoffe, sie reicht, um euch zufrieden zu stellen."
Grovis kämpfte mit den Krämpfen in seinem Leib, aber schaffte es grade noch, den Beutel entgegen zu nehmen. Er fühlte sich beruhigend schwer an. Da er seiner eigenen Stimme nicht traute, grunzte und nickte er, dann verliess er den Futtersack.
Seine Leute sahen ihn besorgt an, als er zusammengekrümmt aus dem Lager torkelte. Er drückte den Beutel seinem vertrauenswürdigen Mann in dIe Hand und schickte sie weg.
Er schaffte es bis an den Kai, dort warf er eine Handvoll Münzen ins Meer.
"Besmara, nimm meinen Tribut. Und jetzt wende dich besser ab. Dieser Tag wird ein beschissenes Ende nehmen." Dann kauerte er sich über die Mohle.
Die kleine Gestalt konnte sich ein Kichern nicht verkneifen, als die Schreie des Orks sie Möven des halben Hafens aufscheuchten. Die Matrone würde sicher interessieren, das ihr Plan aufgegangen war.
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