Mottes unbekannte Wege
Teil 1 - Ein Gang durch die Gemeinde
Motte sitzt am Schreibtisch und arbeitet sich durch ein Buch. Nach kurzer Zeit wird das Buch wütend zugeklappt. Anschließend schlägt Motte den Kopf im Rhythmus der Worte gegen das Buch. „So! Ein! Unsinn! Warum lese ich das eigentlich?“ Tante Baunz hört auf eine Orange zu futtern, springt auf den Tisch und schaut sich interessiert das Buch an. Ob das Äffchen den Titel „Wytch Hunters Handbooke“ lesen kann, Motte ist sich da nicht so sicher. Tante Baunz zieht Motte sanft am Ohr und zeigt dann auf die Notizen, die wild im Zimmer verteilt sind. Chaotisch dazwischen verteilt sind einige weitere Bücher in denen wiederum Zettel stecken. Motte streicht sich über das Gesicht, schaut dann auf den Zettel mit den Notizen. Dämonen und Besessenheit – steht dort – Exzerpt Hexenjägerhandbuch; wenig brauchbar, besser Originalquelle finden: Daemoninomicon. „Na was soll ich denn tun, wenn das Buch von Leuten geschrieben wurde, die nicht einmal Hexen von Druiden und Magierinnen unterscheiden können? Für die sind wir alle Chaosanbeter. Ich brauch dann wohl doch die Originalquelle. Sonst können wir nie herausfinden, wie Droska und Kazoug die Skrang beeinflussen konnten. Juri hat ja deutlich gemacht, dass es keine Option ist, das Droska-Buch genauer zu studieren. Ich sag nur Ü-B-E-R-V-O-R-S-I-C-H-T-I-G. Diese Hex … Danke ich möchte jetzt keine Orange. Aber sag mal, hast du Lust auf einen Spaziergang?“ Tante Baunz schiebt die letzte Orangenspalte in die Weste und springt auf Mottes Schulter. Spaziergang bedeutet auch immer Süßigkeiten, wenn auch nicht mehr so viele, wie noch vor einigen Wochen. Nachdem Motte den Gürtel weiter machen musste, wurde das tägliche Trainingsprogramm um einen Ernährungsplan ergänzt. Sehr zum Leidwesen des Affen, der nun sehr viel seltener in den Genuss von kandierten Früchten kommt.
Motte bindet sich noch noch das Scharlachrote Kopftuch um. Gar nicht so einfach mit Tante Baunz auf der Schulter. Schnappt sich dann die lederne Buchtasche und verlässt den Rostigen Drachen in Richtung der kleinen Gasse bei Vernahs Feine Mode. Irgendwann wird Motte sich es vielleicht leisten können hier einzukaufen. So bleibt nur ein sehnsüchtiger Blick durch das Fenster in den Laden, wo gerade die Gesellin an einem Stück arbeitet. Motte winkt – immer freundlich sein zu Elfen, auch wenn Harmuut dann ärgerlich brummt – die anerzogenen Verhaltensweisen der Akademie haben sich eingeschliffen. Dann nach links, schnell die Festivalstraße überquert. Den Weg über den Markt meidet Motte lieber, dort gibt es zu viele Ratten. Neben Madame Niskas Haus geht es in die Gasse zum Bühneneingang des Theaters. Motte hat nur Geschichten über Madame Niska gehört, sie aber noch nicht getroffen. Bisher hat sie es aber auch noch nicht auf Mottes Liste der interessanten Dinge geschafft, vorher kommt sicher noch ein Theaterbesuch. Aber leider gab es momentan nur das schlechteste Stück von Billy Stirale: Julian und Romina – die Langeweile pur.
Sicher gibt es im Neugierigen Goblin aufregendere Lektüre, die Buchhandlung liegt praktischerweise auf dem Weg. Beim Eintreten steigt Motte der Geruch von Büchern – die Mischung aus Staub, Papier und Druckerschwärze – in die Nase. Sofort breitete sich ein wohliges, warmes Gefühl in Motte aus. Bücher waren immer noch so etwas, wie Heimat, ein Zuhause. Es gab tatsächlich zwei Buchhandlungen in Port Grimm, aber der Neugierige Goblin hatte die bessere Auswahl an okkulten Werken. Das Nordenhus war eher nautisch ausgerichtet, aber gelegentlich schaute Motte hier wegen der Romane vorbei. Kaum war Motte durch die Türe getreten, kam auch schon der Besitzer Chask Haladan. „Ah, der junge Herr Gisbert. Sicher wieder auf der Suche nach etwas Exklusivem.“ Haladan machte ein betrübtes Gesicht. „Leider habe ich noch keine neuen Werke, für die ihr euch sonst so interessiert.“ Motte hatte nichts anderes erwartet. Alle Werke, die sich mit Zauberei beschäftigten, befanden sich bereits in Mottes Zimmer. Tante Baunz mochte den Laden auch, sprang gern von einem Regal zum anderen und hatte auch tatsächlich immer mal wieder ein interessantes Werk in der Hand. „Oh ich sehe, euer Begleiter hat ein schönes Werk gefunden. Eritha Kreuzfahrer - die Verschollene des Südmeers. Eine der seltenen Ausgaben mit den Illustrationen, sogar die Badeszene ist dabei und die Begegnung mit den Schwarzen Amazonen. Genau das richtige für einen jungen Burschen, wie euch.“ Haldan zwinkerte verschwörerisch. Motte hatte das Buch von Tante Baunz in die Hand gedrückt bekommen und durchgeblättert. Die Badeszene war wirklich sehr naturalistisch, vor allem aus anatomischer Sicht, aber das Bild Eritha mit Säbel und Axt auf einem Schiff kämpfend, weckte Mottes Interesse. Vielleicht war das Buch zumindest eine gute Abenteuergeschichte. Eine schöne Abendlektüre, die nicht nur Motte liebte. Auch Tante Baunz bestand darauf, vorgelesen zu bekommen. Damit war es beschlossen und das Buch wurde erworben.
Wieder auf der Straße zögerte Motte kurz. Nur um zu sehen, wie Tante Baunz reagierte. Denn das Äffchen war schon auf die andere Straßenseite gerannt und bereits an der Tür zu Feinste Delikatessen, als ihm auffiel, dass Motte nicht direkt hinterher kam. Tante Baunz kreischte empört. Motte grinste und beeilte sich zum Äffchen aufzuschließen. Schließlich war dies auch einer von Mottes Lieblingsläden. Allein schon die weiß gestrichene Fassade mit den aufgemalten Köstlichkeiten aus allen Königslanden, den Südlanden und wer-weiß-noch-woher. Und als ob das nicht reichte, gab es auch noch große Fenster mit Auslagen in denen sich Kuchen, Kekse und Marzipanfrüchte stapelten. Kaum war die Tür geöffnet, stieg auch schon der angenehme Duft dieser köstlichen Spezereien in die Nase. Tante Baunz kletterte schnell wieder auf Mottes Schulter. Schließlich konnte sie so besser sehen. Die Auswahl von Alma Avertin war grandios. Tante Baunz wollte sicher kandierte Früchte. Motte war sich nicht sicher – Sirupkuchen mit Pistazien oder etwas mit Marzipan? Am Ende verließen sie das Geschäft mit kandierter Honigmelone und bretonischen Doppelkeksen mit Creme-Füllung. Zufrieden knabberten jetzt beide an Süßigkeiten, während Motte die Straße der Helden hinunter schlenderte.
Vor der Garnison, mit dem total einfallsreichen Namen Grimmwacht, standen wie immer einige gelangweilte Gardisten. Motte wusste immer nicht die Soldaten einzuschätzen. Irgendwie waren es Poser, mit ihren polierten Helmen, dem Überwurf mit dem Stadtwappen und den Hellebarden. Anscheinend immer bereit Recht und Ordnung durchzusetzen. Aber andererseits hatten sie auch in der Stadt fast nichts zu sagen. Auf dem Westufer waren sie fast nie zu sehen, die Hafenanlagen waren Taboo. Was also blieb, als hier rund um die Garnison zu patrouillieren? Irgendwie taten sie Motte schon fast leid. Wenn da nicht die Erfahrung wäre, dass sie tatsächlich auch mal durchgreifen konnten, wenn es denn gewollt war. Aber das lag ja auch am Rat der Stadt und dem Bürgermeister, dachte Motte. Denn passenderweise lagen sich Garnison und Ratsgebäude direkt gegenüber. Der Hort von Korruption und Vetternwirtschaft. Aber Dank der Handelshäuser, der Hanse sowie den Piraten und den Banden des Westufers, war die Bestechlichkeit der Ratsleute gar nicht mal das schlimmste Übel der Stadt.
Als die Beiden um die Ecke bogen, kamen die Schmiede von Grom Bruchbein und der Palast des Abfallkönigs – oder Gezeitenfürsten, wie er sich nannte – in den Blick. Motte mochte beide Gebäude. Der Palast war eine wilde Mischung aus dem, was sich die Leute unter orkischer Architektur vorstellten – also im Wesentlichen, Schädel verschiedener Spezies, Walknochen und allerhand klappernder Tand – sowie dem praktischen Anliegen eine leicht zu verteidigende Behausung im südländischen Stil zu kombinieren. Eigentlich passte hier nichts zusammen. Die Schmiede dagegen war ein Hort der wundersamen Dinge. Gerne hätte Motte kurz vorbeischaut, um zu sehen an welcher mechanischen Spielerei der Gnom heute tüftelte. Aber Tante Baunz mochte die Schmiede nicht. Das ständige Hämmern ging ihr auf die Nerven. Sie wurde dann ungeduldig und eine ungeduldige Tante Baunz war leicht reizbar. Ein Grund, warum Motte sich nicht längst einen feschen Ohrring hatte stechen lassen. Die Chance innerhalb kürzester Zeit zu einem wahrhaften Schlitzohr zu werden, war einfach zu groß.
Da es praktischerweise auf dem Weg lag, schaute Motte natürlich kurz im Gildenhaus vorbei. Wenn Motte tagsüber in der Gegend war, ging es immer mindestens auf ein kurzes Gespräch mit Hartmuut ins Hauptquartier der Gesellschaft zur Erforschung Marascar oder wie auch immer der ermüdende offizielle Titel lautete. Hartmuut hatte sich dort gerade zu so etwas wie dem Hausmeister auserkoren oder dem Gärtner, vielleicht auch dem Waffenmeister. Er kümmert sich halt darum, dass alles in Ordnung blieb, die Vorräte gefüllt und auch der Weg geharkt war. Die Einladung zum Tee muss Motte aber ablehnen, die ist bereits getätigt. Stattdessen wollen die beiden gemeinsam Abendessen. Es gab Wildbret, persönlich von Hartmuut im Wald gejagt. Ein frisches Ale dazu und Motte war glücklich. Motte blieb – auch wie immer – kurz vor dem Bücherschrank des berühmten Joachim von Schwertwall stehen. Natürlich ist der Schrank verschlossen, aber durch die Gitter können die Titel gut erkannt werden, auch, dass einige Bücher angekettet sind. Viele sind wertvolle Bücher über Heilkunde und Alchemie, interessant, aber nicht so spannend, wie der kleine unscheinbare Band, der zwischen Rerum Naturalis und Secretis Mulierum steht. Exerpt de Sphaeriis, Informationen über die Sphärenreisen, ein Auszug zwar, aber aus dem Schwarzen Buch des Johannis von Jutz. Motte fuhr mit dem Finger über das Schloss, lässt ihn kurz auf dem Schlüsselloch verharren. Dann aber zieht Motte scharf die Luft ein: „Tante Baunz lass das“ Der Affe hatte Motte ins Ohr gekniffen „Ich werde schon nicht versuchen das Schloss zu öffnen. Ich kann meine Begierden unter Kontrolle halten“ - zumindest vorerst. Motte wendet sich vom Schrank ab, reibt sich das Ohr, flucht – lautlos – denn sonst kneift Tante Baunz nochmals zu, nur stärker. Motte verabschiedet sich noch von Hartmuut, bevor es dann nach nebenan, zu dem kleinen Haus des verlorenen Wissens geht.
Der Verabredung zum Tee. Eigentlich keine echte Verabredung, aber wie Hartmuut bietet der gnomische Gelehrte allen Besuchern einen Tee an und Motte besucht Brodert Quink gerne für ein intellektuelles Gespräch. Es ist dann gerade wie an der Akademie. Auch der Archivar der Geschichte Port Grimms und der Südlande freut sich auf den Besuch. Schließlich ist Motte nicht nur interessiert an den Geschichten und Mythen der Südlande, sondern hat auch Lust an philosophischen Gedankenspielen und gibt selbst gerne Wissen weiter. Eigentlich erstaunlich über welches Wissen das Menschenkind verfügt. Tante Baunz ist weniger an den Gesprächen interessiert. Doch auch für das Äffchen bietet das mit allerlei Büchern, ausgegrabenen Artefakten und seltsamen Mitbringseln vollgestopfte Studierzimmer einen spannenden Spielplatz. Meist aber rollt sich Tante Baunz nach der ersten ausgetrunkenen Kanne in Mottes Schoß zusammen und schläft den Rest der Zeit.
Gerade als das Äffchen diesmal seinen Schlafplatz eingenommen hat und eine frische Kanne Tee auf dem Tisch steht, wechselt Brodert unvermittelt das Thema. Eben haben er und Motte noch über die neueste Theorie von Brodert zu den Katakomben unter Port Grimm gesprochen. Jetzt stellte der Gnom eine sehr persönliche Frage: „Ich habe eine gute Gnomenkenntnis, aber auch keine schlechte Menschenkenntnis. Und du Motte bist bedrückt, anders als sonst. Was ist los? Willst du darüber reden?“ Motte schaute auf die friedlich im Schoß schlafende Tante Baunz. Dann wieder auf Brodert. Der Gnom lächelte aufmunternd, nahm noch einen Schluck Tee. Motte schaute an die Decke, dachte offensichtlich nach. „Ich habe wieder Albträume, seit vielleicht drei Tagen. Ich dachte sie wären vorbei. Ich habe doch davon erzählt, oder?“ Der Gnom nickt ernst. Motte hatte tatsächlich von den Albträumen erzählt. Keine Einzelheiten, aber genug, damit sich Brodert Sorgen machte. „Seit drei Tagen? Gibt es einen Anlass? Ist dir etwas passiert?“ Motte überlegte „Nein, nichts, was meine Träume wieder hervorholen könnte.“ Der Gnom überlegte. „Wenn ich richtig informiert bin, dann ist vor drei Tagen ein Schiff in den Hafen eingelaufen. Die Flutdämon, von der heißt es, sie wäre mit den Niederhöllen im Bunde. Vielleicht stimmt es und du bist sehr sensibel auf ihre Präsenz? Andererseits ist in vier Tagen Samhain. In diesem Jahr gleichzeitig zum Vollmond. Die Sterne haben doch Einfluss auf Zauber, warum nicht auf auf die Magiebegabten selbst? Vielleicht ist es aber auch etwas in deinem Kopf, eine tiefsitzende Angst?“ Motte starrte weiter an die Decke. „Ich weis es nicht. Vielleicht von allem ein wenig oder nichts davon. Eigentlich will ich nur, dass es aufhört. Sonst fange ich wieder an Schlafmohn zu nehmen. Das hilft zwar, aber auf Dauer...“ Motte lies den Satz unvollendet. Brodert blickte besorgt, überlegte. „Das einzige, was ich dir raten kann. Hole dir Hilfe. Wende dich an ein höhere Instanz. Bete zu Churun. Aber tue etwas, sonst wirst du die Albträume nie los.“
Motte überlegte, kraulte Tante Baunz. Brodert hatte Recht. Irgendwas muss getan werden. Vielleicht liegt es wirklich an Samhain, an der Akademie hatten sie immer Rituale abgehalten. Das Graue Konzil, die Akademie hatte sich nie ganz dem Götterglauben ergeben – ein Grund für die Abneigung der Hexenjäger. Das Ritual der Wege, das alte Fest, die Elfen ehren, das Versteckte Volk respektieren, die Alten Wege öffnen. Nur wenig davon gab es im Südmeer, ich habe so vieles einfach verdrängt. Vielleicht ist dies die Lösung, etwas Struktur aus dem alten Leben wieder aufnehmen, einen Versuch war es wert. Und wer weiß? Manchmal erfüllen die Alten auch Wünsche. Was habe ich schon zu verlieren, außer den Albträumen? Sei's drum, noch vier Tage zur Vorbereitung, das sollte reichen.
Teil 2 - Von Ratten und Hyänen
Saldar schwankte leicht, als er sich die Hose aufknöpft. Das Ale wollte wieder raus. Also schnell nochmal das Wasser abschlagen. Bis nach Hause war es noch ein Stück. Beronja würde sich wundern. Diesmal war der Tipp gut. Der dürre Kläffer war wirklich der beste Rattenfänger. Er hatte nicht nur seinen Einsatz wieder bekommen. Diesmal hatte Saldar sogar richtig etwas gewonnen. Gut ein Teil war schon angelegt. Aber immerhin, der Rest würde reichen die Schulden zu bezahlen und sicher auch etwas für die Kinder zum Julfest zurückzulegen. Ein gutes Gefühl, genauso, wie jetzt endlich das Wasser laufen lassen zu können. Er schaute entspannt nach oben und hätte beinahe seine Männlichkeit losgelassen. Deutlich sichtbar vor dem fast vollen Mond war eine Gestalt von einem Dach zum anderen gesprungen. Dann lautlos den Dachfirst entlanggelaufen. Saldar starrte in die Dunkelheit, aber die Gestalt war wohl hinter einem Schornstein in Deckung gegangen. Probleme anderer Leute, dachte er, und leerte weiter seine Blase.
Motte kauerte sich in den Schatten des Schornsteins. Die Gedanken und das Herz rasten, die Lippen bewegten sich in lautlosen Flüchen. Es war mehr als knapp, das war Motte klar. Nur etwas langsamer, etwas unaufmerksamer, dann hätten die Ratten jetzt ihre Rache. Etwas, das Motte unbedingt vermeiden wollte. Der Arm an dem der Kleine Gibus mit seiner Schleuder getroffen hatte, kribbelte immer noch. Die Hand war ebenfalls noch fast taub. „Dummer Glückstreffen, dass es genau den Nerv erwischt hat, aber das wird nur einen blauen Fleck geben. Besser als wenn Gibus den Kopf getroffen hätte.“ Motte lächelte grimmig. „Glück gehabt. Im Gegensatz zu Elefantenohr Osman der wird ab jetzt wohl Anderhalbohr Osman heißen. Soll sich mir halt nicht in den Weg stellen. Hat Glück gehabt.“ Hätte Motte gewollt, hätte der Dolch auch einige Handbreit tiefer treffen können. Dann könnte Osman jetzt nicht laut brüllend die Straße hinabrennen. Dann würde er jetzt langsam auf der Straße verbluten. „Ich bin einfach schneller und besser mit dem Messer, als Osman mit seiner Nagelkeule.“ beglückwünschte Motte sich selbst.
Und außerdem hatte Motte die nötigen Pflanzen bekommen. Das Ritual der Wege erforderte einige in dieser Gegend exotische Pflanzen, Tollkirsche und Stechapfel. Frisch sind diese Pflanzen eher selten in Port Grimm. Aber Dank eines „Teegefährten“ aus dem Haus Neferti, wie Hartmuut seine Saufkumpane gerne nennt, wußte Motte durch Zufall, wo es die Früchte gab. Im Garten der Villa des Haus Neferti. Motte dachte da noch, das wird ein Kinderspiel, wie schwer bewacht kann schon ein Garten sein? Es stellte sich aber heraus, dass er dann doch etwas besser bewacht war. Oder es war doch der falsche Zeitpunkt für einen unauffälligen Gartenspaziergang gewesen. Aber mit ein wenig Mühegabe hatte es ja doch geklappt. Zu allem Überfluss hatte Motte auch noch eine Kaktusfrucht ergattert, die von Schamanen gerne eingesetzt wird, um die Traumzeit zu erreichen. Etwas das Motte schon immer ausprobieren wollte. Das alles zusammen hatte Motte leichtsinnig gemacht.
In dem kleinen Park vor der Brücke vom Viertel der Handelshäuser zum Westufer hatte Motte noch schnell einen Teil der Kleidung gewechselt, etwas auffälligeres angezogen, um unauffälliger zu sein. Sich dann an dem großen Gebäude der Hafenmeisterei vorbei Richtung Hafengasse unter die Leute gemischt. Eigentlich war alles gut gelaufen und genau das hatte Motte unaufmerksam werden lassen. Zu sehr abgelenkt von dem Trubel, den einige Gaukler verursachten lief Motte praktisch direkt in die Arme der Ratten. Zum Glück waren es nur vier Ratten. Damit konnte Motte gerade noch fertig werden.
Nach dem ersten Schreck auf beiden Seiten wurde es hektisch. Motte büßte ein Wurfmesser ein, Osman dagegen ein halbes Ohr. Aber das verschaffte genau die wenigen, notwendigen Augenblicke. Das war Mottes Chance. Ein paar schnelle Schritte, ein passend stehendes Fass. Es ging in eine Seitengasse und dann schnell auf eins der niedrigen Dächer. Es waren nur hundert, vielleicht zweihundert Doppelschritt. Und auf den Dächern war erfahrungsgemäß weniger Volk unterwegs. Die Ratten waren nicht gut im Klettern, fühlten sich am Boden wohler. Ratten kriechen im Unrat, um nicht gesehen zu werden, predigte die Rattenmutter.
Aber die Häuser hier sind niedrig, gerade die Hinterhäuser in den Seitengassen. Kaum ein Haus hatte mehr als Erdgeschoss und Dach, gut einzusehen. Motte balancierte den Dachfirst entlang. Außerdem waren Ziegel lose oder fehlten, das Trägerwerk morsch, teilweise zusammengesunken. Zu allem Überfluss waren die Dächer natürlich mit Moos, Algen und anderem glitschigem Zeugs bewachsen. Motte springt von einem Dach zum anderen. Die Flucht erforderte Aufmerksamkeit und Können. Und genau bei diesem Sprung erwischte der Kleine Gibus den Arm mit seiner Schleuder. Immerhin gelang es Motte trotzdem sicher auf dem Dach des nächsten Hauses zu landen. Ein kleiner Vorsprung, ein weiterer Sprung, trotz der Schmerzen, sogar fast elegant gelungen. „Wenigstens gibt es hier keine Hyänen“ war Mottes Gedanke. „Wer hält sich diese Kieferbrecher als Wachhunde? Aber nicht ablenken lassen. Ich brauche wieder Gefühl in der Hand! Vielleicht reicht es. Noch ein Sprung und dann hinter einem Schornstein in Deckung.“ Die Gedanken und das Herz rasen. „War da nicht eine Gestalt in der Gasse? Hoffentlich verrät sie nichts. Da sind die Ratten schon. Haben sich nicht abschütteln lassen. Es wäre auch zu schön gewesen.“ Motte zieht sich tiefer in den Schatten zurück. Spürt nach den mystischen Kräften. Aber das Reservoir ist erschöpft. Wieder geht ein lautloser Fluch über Mottes Lippen. „Verfluchte Neferti! Verdammte Hyänen!“
Von unten dringt die Stimme des Kleine Gibus herauf. „Wo ist der Verräter? Gerade war dieser Hund doch noch da.“ Eine weiter Stimme, die schmutzige Ännie, mischt sich ein „Katzenpisse! Das wäre das richtige Geschenk gewesen. Jetzt müssen wir der Rattenmutter etwas anderes bringen.“ „Da, da, nehmen w-wir doch den“ die Dürre Hilda. Ein trockener Knall, ein Stöhnen, ein Aufprall. Offensichtlich hat Gibus diesmal besser getroffen.
Motte bleibt im Schatten. Kauert weiter hinter dem Kamin und wartet. Offensichtlich ist der Betrunkene eine lohnende Beute. Motte hört den Jubel der Ratten, das Wimmern des Mannes. Dem Betrunkenen ist jetzt nicht zu helfen. Und warum sollte Motte sich auch in Gefahr bringen. Der Betrunkene hat sich selbst in Gefahr gebracht. Im Westufer ist alleine und betrunken niemand sicher. Vor allem nicht in den dunklen Seitengassen hinter den Häusern. Da hat er doch noch Glück mit den Ratten. Die sind immerhin keine Mörder. Jedenfalls nicht ohne Grund. Motte wäre solch ein Grund. Soll der Betrunkene halt flennen. Manche Lektionen gibt es halt nur auf die harte Tour. Das musste Motte ja schließlich auch lernen, damals, als Motte noch einen anderen Namen, ein anderes Leben und eine andere Zukunft hatte.
Jetzt waren es nur noch zwei, vielleicht drei, nicht mehr als vier Häuser. Dann wäre die Brauerei-Brücke erreicht. Von dort wäre es nicht mehr weit bis zum Rostigen Drachen. Das wäre machbar. Vor allem jetzt, wo die Ratten sich einer anderen Beute zugewandt hatten. Nur noch ein wenig warten. Wenn wenigstens der Betrunken aufhören würde zu heulen und zu betteln. Das amüsierte die Ratten nur. Dann werden sie bleiben und sich am Unglück weiden. Vor noch einigen Monaten hätte Motte mitgemacht und nichts dabei gefunden. Hätte sich am Leid erfreut.
Motte schlägt den Kopf gegen den Kamin, nicht so stark wie es notwendig wäre, um die Gedanken durch Schmerz zu verdrängen. Das wäre zu laut, vielleicht auch zu viel für den bröseligen Kamin, der schon durch den Seewind leicht schief steht. „Das bin ich nicht mehr. Ich habe jetzt Gefährten, denen ich vertrauen kann. Den ich vertrauen will. Ich bin Motte. Ich kann einen Platz für meine Zukunft finden. Ich muss nicht im Unrat kriechen.“ Die Begegnung mit den den Ratten, die Gedanken an die Rattenmutter, die Ahnung ihrer Nähe, ihrer Wärme, lösen seltsame Gefühle in Motte aus. Ein Begehren nach dem Schwarm, wie die Rattenmutter die Bande nennt. „Was hat die Rattenmutter mit ihren Ritualen bei mir ausgelöst?“ Ein weiterer Punkt auf Mottes langer Liste offener Fragen.
Saldar kann es nicht fassen. Die Kinderbande ist weg mit dem Geld. Er liegt im Dreck und weint. Sein Kopf schmerzt. Alles ist futsch, gerade noch wäre es möglich gewesen, sich aus der Schuldknechtschaft des Gezeitenfürsten frei zu kaufen. Jetzt heißt es fünf weitere Jahre frohnen. Beronja muss weiter in der Wäscherei arbeiten, sich Rücken und Hände zerschunden. Hemmungsloses Schluchzen dringt aus seine Kehle. Er hört ein leiser Geräusch, ein Aufprall? Saldar schreckt hoch. Der Schatten vom Dach steht vor ihm. Eine Silhouette, dunkel gekleidet, mehr ist durch die Tränen in der Dunkelheit nicht zu erkennen. „Bitte, ich habe Frau und Kinder. Ich habe doch schon alles verloren.“ Saldar hat Angst, bettelt um sein Leben. Der Schatten dreht sich weg. Mit einer hellen Stimme raunt er ihm zu: „Hör auf zu flennen, Mann! Verschwinde von hier. Sonst kommt noch echter Abschaum, klaut deine Schuhe und verkauft deine Leiche an den Abfallkönig. Du Opfer!“ Dann ist der Schatten die schmale Gasse in Richtung der Brauereibrücke verschwunden. Saldar wischt sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht. Die barsche Ansprache hat ihn in die Wirklichkeit geholt. Er rafft sich auf. Er muss ja doch nach Hause. Das wird sicher ein trauriger Jahreswechsel. Falls nicht noch ein Wunder geschieht, werden sie wohl doch ans Westufer ziehen.
Motte bekommt das schon nicht mehr mit.
Vorsichtig, aber mit Eile geht es die schmale Gasse zwischen den
Hinterhäusern entlang. Noch einmal wird Motte nicht unvorbereitet
sein. Jetzt ist Vorsicht angesagt. Vor der Brauerei-Brücke bleibt
Motte noch einige Augenblicke im Schatten eines Hauses. Beobachtet
die Umgebung. Hier ist die einzige Schwachstelle. Hier würde Motte
warten um eine Beute wieder zu finden. Aber die Ratten sind nicht so
schlau. Kein Wachtposten ist zu sehen. Von Schatten zu Schatten geht
es dann weiter. Bis endlich der Rostige Drachen in Sicht ist. Jetzt
gilt es noch unbemerkt ins Zimmer zu gelangen. Auf Fragen hat Motte
gerade keine Lust. Vor allem nicht auf den strengen Blick von
Hartmuut. Aber der Drachen ist gut gefüllt. Ein
Kinderspiel. Jetzt muss Motte nur noch ein Problem lösen.
Tante Baunz wartet im Zimmer sitzt auf dem Bett und schaut so vorwurfsvoll, wie es nur ein Affe als Vertrauter vermag. „Ja, ich weiß. Ich hätte dich mitnehmen sollen. Aber du hast gerade so süß geschlafen, da wollte ich dich nicht wecken. Und du bist doch immer ein wenig unleidlich, wenn ich dich aus dem Schlaf reiße“ Außerdem weiß immer noch nicht, wie stark dein Band zu Juri ist, fügte Motte in Gedanken hinzu. Besser für mich, Juri weiß nicht über jeden Schritt Bescheid, den ich mache. Eine große Schwester zu haben ist toll, aber ich brauche schließlich auch meinen Raum. Aber Mottes Worte haben Tante Baunz nicht zufrieden gestellt. Das Äffchen kreischt beleidigt und dreht sich weg. „Hey guck mal! Ich hab dir was mitgebracht.“ Tante Baunz lässt sich dazu herab über die Schulter zu schauen und ist dann mit zwei schnellen Sprüngen bei Motte. Es gibt eine goldgelbe Banane. Nicht so gut, wie kandierte Früchte, aber Tante Baunz liebt Bananen.
Teil 3 - Traum, Weisheit und Wahn
In der Ferne ist ein Donnervogelpärchen zu sehen. Majestätisch ziehen sie ihre Kreise. Spähen nach Beute. Eine menschliche Gestalt müht sich ab den Hügel zu erklimmen. Der Hügel liegt außerhalb der Stadt. Noch in Sichtweite, aber doch schon so weit draußen, dass hier sonst keine Menschen oder andere vernunftbegabte Wesen durch Zufall vorbeikommen. Gerade deshalb wurde dieser Hügel von dem Menschen ausgewählt. Motte ist noch nicht lange unterwegs. Aber die Wärme und der schwere Rucksack fordern ihren Preis. Das Hemd klebt, ebenso wie die kurzen blonden Haare, schweißnass an der Haut. Der Atem geht stoßweise. Die Gedanken drehen sich um das, was getan werden soll: „Los Motte! Es hilft nicht zu trödeln. Wenn du Antworten willst, dann muss es heute sein. Samhain und Vollmond, besser wird es nicht! Ein stehender Stein wäre gut, aber der einzelne Baum auf einem Hügel tut's genauso. Aber es muss natürlich der verdammt steilste Hügel der Umgebung sein. Sei's drum. Noch ein paar Schritte und dieser verfluchte Aufstieg hat ein Ende.“
Hoch über dem Menschen ziehen immer noch die beiden Donnervögel ihre Kreise im wolkenlosen Himmel. Kleine Punkte am Himmel, doch ihrem scharfem Blick entgeht nichts. Angekommen auf dem Hügel mit dem einsamen Baum gönnt sich die Gestalt eine Pause. Trinkt in großen gierigen Schlucken aus einer Wasserflasche. Kurz darauf zieht die Gestalt ein weißes ärmelloses Kleid, eher einen Unterrock, aus dem Rucksack. Ein seltsamer Ausdruck huscht über das junge Gesicht – Wehmut, Ekel, Resignation? Dann spricht der Motte zu sich selbst: „Naja, eine Robe ist es nicht gerade, aber es wird den Zweck erfüllen.“ Und fügt in Gedanken hinzu „Etwas anderes hing ja auch gerade nicht auf der Leine. Aber es ist auch nur geborgt. Ich werde es schon noch zurückhängen.“ Schnell ist das nasse Hemd ausgezogen und das Kleid übergeworfen. Auch die Schuhe werden ausgezogen. Was vorher das Hemd verbarg, wird jetzt sichtbar. Eine blaugelbe Tätowierung auf der Schulter und darunter auf dem Oberarm ein großer, fast kreisrunder Blauer Fleck. Barfuß beginnt die Gestalt den Platz mit einem Handbesen aus Reisig zu fegen. Danach wird Salbei verbrannt. Der Rauch soll ebenfalls den Platz reinigen. Zum Schluss werden zwei Feuerschalen so platziert, dass der Blick am Baum vorbei, nach Westen geht. Auf einem sauberen Tuch werden ein Kelch, einige Ingredienzien und ein paar Früchte sowie ein Messer gelegt. Roter Wein wird aus einem Schlauch in den Kelch gefüllt.
Anschließend beginnt das Warten. Bis die Sonne den Horizont küsst, wie es poetisch heißt. Erst zu dieser Zeit ist wirklich Samhain und das Ritual kann beginnen. Die Gedanken gehen zurück an das letzte Mal, als Motte Samhain gefeiert hat. Vor zwei Jahren an der Akademie, als die Welt noch nicht aus den Angeln gehoben war. Als zusammen mit einigen Vertrauten noch gescherzt wurde, wer wohl welchen Posten erreichen könnte, wer an der Akademie wohl lehren würde und wer wohl wem heimlich in der Nacht einen Besuch abstattet. Motte schnieft, schnell wird eine Träne weggewischt.
Als der richtige Zeitpunkt gekommen ist, steht Motte auf. Sammelt sich kurz, spricht sich in Gedanken Mut zu: „Wenn ich Antworten will, darf ich mich nicht fürchten Fragen zu stellen. Und was habe ich schon zu verlieren? Nun denn Motte! Nur wer wagt, mag gewinnen. Die Anrufung von Myst als Inkarnationen des Jahreskreises und der Einheit von Raum und Zeit ist nicht kompliziert.“ Schnell sind ein paar Atemübungen gemacht, den Geist leeren. Trotzdem wollen sich die Gedanken noch nicht ganz beruhigen. „In der Akademie hat es nie geklappt. Vielleicht gelingt es trotzdem. Sicher war es, dass wir damals alle mehr Interesse an dem Rausch hatten, als am spirituellen Erlebnis. Sei's drum! Die Hoffnung stirbt zu Letzt, dann folgt nur noch der Abgrund! Und heute ist nicht der Tag für den Abgrund! Also los!“
Eine Eule kommt aus ihrem Versteck. Beobachtet die Gestalt, die eine Verbeugung macht bevor sie in den Kreis tritt, sich vor die sorgsam arrangierten Gegenstände kniet. Schnell sind die Feuerschalen entzündet, die Ingredienzien werden in den Wein gegeben und die Rezitation angestimmt: „Am Tag zwischen Herbst und Winter bitte ich den alten Baum, die Sonne in ihr Bett zu geleiten; Ich bitte den Jäger um seine Beute, Ich werde allen geben die Hungern; Ich bitte die Herrin der Ernte um ihre Fülle, Ich werde den Kelch allen geben die Dürsten; Ich bitte die Macht, welche Raum und Zeit verbindet, den Weg zu öffnen; Ich bitte die Alten des Jahreskreises mir die Ehre zu erweisen, der Einladung zu folgen; Ich bitte darum einen Funken von Wissen und Weisheit der Mächte von Zeit und Raum zu sehen; Ich schwöre mit dem Scharlachroten Bund, ich gebe die Worte der Weisheit weiter!“ Beim letzten Satz nimmt die Gestalt das Messer, schneidet sich in den Unterarm. Einen langen, aber nicht tiefen Schnitt, der sofort zu bluten beginnt. Das Blut fließt den Arm entlang und tropft von den Fingern in den Kelch. Noch dreimal wird der Kelch mit Blick auf die versinkende Sonne geschwenkt und dann in einem Zug getrunken. Danach wiederholt der Mensch noch zweimal die Anrufung.
Währenddessen beginnt der Trank seine Wirkung zu entfalten. Die Sicht verschwimmt. Schemen tauchen auf, immer nur für Augenblicke sind Gestalten in Mottes Augenwinkel sichtbar. Die Farben der Dämmerung scheinen zu vibrieren. Eine groteske Gestalt sitzt im Baum. Beobachtet das Geschehen mit gigantischen Augen. Nur um sich im nächsten Moment als Eule zu entpuppen. Der Mund wird trocken, die letzte Rezitation immer mehr zu einem Krächzen. Schwindel erfasst die Person.
Nur mühsam kann sich die Gestalt mit den ausgebreiteten Armen aufrecht halten. Langsam aber sicher wird es kalt. Ein Schauer läuft der Person über den Rücken. Der Atem, jetzt stoßweise, kondensiert. Auf den Blättern, die in den Kreis hängen, bildet sich Raureif.
Ein Schemen lässt sich nicht wegblinzeln, er verdichtet sich. Wird zu einem kauernden Wesen, grotesk dünn, mit Krallen und einem Geweih. Lumpen bedecken den menschenähnlichen Körper, verhüllen das Gesicht. Nur die glühenden Augen sind deutlich zu sehen. Und die spitzen Reißzähne, als das Wesen langsam den Mund öffnet und wieder schließt. Motte kann wieder einige Gedanken klarer fassen, bittere Gedanken: „Meine erste eigene Beschwörung und ich schaffe es einen Jägerdämon zu rufen. Hervorragend Motte – Wir sind im gleichen Kreis! Immerhin ein würdiges Ende – Zerrissen von Dämonen!“
Der Mensch schließt die Augen, streckt mit großer Willensanstrengung den Rücken durch, hebt nochmals die Arme und flüstert, denn zu mehr ist die trockene Kehle nicht im Stande „Wenigstens ohne Furcht und in Würde will ich von dieser Welt gehen. Komm ich bin bereit!“ Aber der erwartete Angriff bleibt aus. Keine Reißzähne graben sich in die dargebotene Kehle. Stattdessen erklingt eine klare, reine Stimme.
„Ich akzeptiere deine Einladung und bringe als Geschenk die Kälte der Langen Nacht.“ Motte reißt die Augen auf. Es braucht einen Augenblick, bis die Sicht sich klärt. Eine hochgewachsene Frau, mit schneeweißem Haar und einer Haut, weißblau, wie die Farben des Gletscher, in einem Umhang, gewoben aus den Haaren der Erfrorenen, steht nur eine Armlänge entfernt. Zu ihren Füßen, halb verborgen hinter ihren Beinen, lauert immer noch der Wendigo. Motte öffnet den Mund, will „Herrin der Langen Nacht, mein Gruß der Eisprinzessin“ sagen, schafft aber nur ein heißeres Krächzen.
Die Königin des Winters schaut mit einem Blick zwischen Tadel und Güte auf die vor ihr kauernde Gestalt: „Ich gewähre dir die Gunst, dich als würdig zu erweisen. Ehre die Mächte des Zeitenlaufs und dir mag ein Geschenk zu Teil sein. Verletze das Gewebe von Raum und Zeit und dir wird die Strafe der Verräter zukommen. Dann soll deine Seele zerschmettert und auf das Rad der Zeit geflochten werden.“ Die Worte hallen im Kopf nach, formen Bilder von Glück und unendlicher Qual. Als die Mutter der Wendigo weiterspricht, ist es, als ob die Worte im Kopf zu eisigen Nadeln werden. „Um in der Landen Nacht zu überleben, musst du das Band der Freundschaft pflegen. Du musst dich deinen Gefährten öffnen. Enthülle ihnen dein Geheimnis. - - Und dann stelle dich deiner Angst. Sonst wird die Angst dich stets verfolgen, bis du an ihr zugrunde gehst. Das mag mir lieb sein, denn so dann werde ich dich in die Reihen der Wenigo aufnehmen. Befreie dich von der eisigen Last der Angst und der Zeitenlauf öffnet dir wieder deine Wege. Dann magst du zwischen Frühling und Sommer mit dem Grünen Mann tanzen.“ Der Wendigo zu Füßen der Hüterin des Nordwinds bleckt die Zähne. Es scheint, dass er bei dem Gedanken, seine Schar zu mehren, lächelt.
Motte kann sich kaum noch aufrecht halten. Das Atmen fällt immer schwerer. Die Sicht verengt sich. Das Herz rast, als die Herrscherin über die Gletscher-Drachen nähertritt. Mit ihrem Stab aus dem Ersten Eis berührt sie die Brust von Motte. Brennt mit dem Kalten Feuer ihr Zeichen, den Polarstern, auf das Brustbein „Ich kenne dich nun als Eirlys“ sind die letzten Worte, welche Motte wahrnimmt. Dann verschwimmt die Sicht vollends. Der letzte Gedanke, bevor die Schwarze Ohnmacht den Geist mit sich zieht, ist wunderlich: „Was hat wohl die Eule im nahen Wald gesehen?“ Dass Motte mit dem Gesicht voran auf den Boden schlägt, merkt Motte schon nicht mehr.
Die Eule legt den Kopf schief, das Spektakel ist vorbei, sie breitet die Schwingen aus und fliegt davon. Regungslos liegt die Gestalt im Kreis. Die Feuerschalen glimmen nur noch. Der Vollmond scheint hell auf das blasse Gesicht. Eine große Ratte kommt in den Kreis, angelockt von den Früchten neben dem Kelch. Neugierig nähert sich die Ratte dem leblosen Menschen. Als die Ratte das Gesicht beschnuppert, reißt die Gestalt die Augen auf. Als ob der Hebel eine Armbrust gedrückt wurde schnellt der Mensch dem fliegenden Bolzen gleich auf. Nimmt einen tiefen Atemzug, als ob er gerade aus dem Wasser auftaucht. Die Ratte huscht erschreckt in den Wald. Bleibt aber neugierig im Gebüsch, beobachtet das weitere Geschehen. Die Gestalt nimmt einen weiteren verzweifelten tiefen Atemzug. Dreht sich zur Seite und erbricht einen großen Schwall roter Flüssigkeit. Der Mensch stützt sich ab und übergibt sich wieder und wieder. Bis er nur noch Galle spuckt. Hektisch atmend, Rotz und Wasser heulend, bricht die Gestalt dann zusammen. Auf der Seite liegend, rollt sie sich zusammen und bleibt wimmernd liegen. Erst nach einer Weile rafft sich der Mensch auf, kriecht auf allen Vieren zu dem Rucksack knapp außerhalb des Kreises.
Alles tut weh. Im Kopfe scheinen Zwerge eine Grobschmiede errichtet zu haben. Die Muskeln zittern vor Anstrengung, als endlich die Wasserflasche gefunden ist. Der erste Schluck ist zum Ausspülen des widerlichen Geschmacks. Der Rest wird mit wenigen tiefen Schlucken geleert. Zu wenig, aber mehr hat Motte nicht mitgebracht. Langsam beruhigen sich Atmung und Herzschlag. Nur die Brust schmerzt fürchterlich. Als Motte den Blick senkt, ist auf dem Brustbein ein bläulich schimmernder Stern, wie eingebrannt, zu sehen. Die Wunde beginnt bereits sich zu schließen und bedeckt so schnell das Leuchten.
Als Motte sich weit nach Mitternacht endlich erholt hat, werden die Utensilien wieder eingesammelt. Die Feuerschalen sind schon lange erloschen und kalt. Die Früchte hat die vorwitzige Ratte doch noch weggeschleppt. Motte denkt kurz daran, wieder das Hemd anzuziehen. Stopft es dann aber in den Rucksack. Langsam wird der Abstieg begonnen. Immer noch scheinen Schemen im Augenwinkel erkennbar zu sein. Hellgrünes Leuchten, wie bei Feenmagie. „Sicher die Freunde von Zippy. Hoffentlich keine Rotkappen.“ Denkt Motte „Gibt es überhaupt Rotkappen im Südmeer? Sicher sind die Mitglieder des Verborgenen Volks hier nicht weniger gefährlich, als im Norden. Zumindest sind sie immer unberechenbar.“
Der Weg nach unten, nach Port Grim wird lange dauern. Beobachtet von den Tieren, die auf Futter und Beute aus sind. Die Gestalt kann sich immer noch nicht richtig auf den Beinen halten, schwankt. Dafür beginnen Mottes Gedanken wieder zu kreisen: „Hoffentlich schaffe ich es ungesehen in mein Zimmer. Und dieses verdammte Zittern hört bald auf. Vermutlich war es doch zu viel Stechapfel. Wenn Hartmut noch wach ist, könnten wir noch einen Grog trinken. Dann muss ich mich nur vorher umziehen. Verflucht, ich seh' so zu sehr aus, wie ein Mädchen. Sei's drum. Wenigstens ist Juri nicht in der Stadt. Die wird mich Kielholen wollen.“




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